Starke Regelschmerzen – wenn „Das gehört dazu“ keine ausreichende Antwort mehr ist
Es gibt Beschwerden, über die Menschen sofort sprechen. Und es gibt Beschwerden, bei denen erstaunlich lange erwartet wurde, dass man sie einfach hinnimmt. Starke Regelschmerzen gehören für viele Frauen zur zweiten Gruppe.
Der Tag beginnt dann nicht mit der Frage, was heute ansteht, sondern damit, wie schlimm es diesmal wird. Die Wärmflasche liegt bereit, Schmerzmittel sind eingepackt und Termine werden möglichst so gelegt, dass die ersten Tage der Menstruation nicht gerade mit einer wichtigen Besprechung, einer Reise oder einer Familienfeier zusammenfallen. Manchmal funktioniert das. Manchmal nicht.
Und weil sich dieser Ablauf Monat für Monat wiederholt, wird aus einer erheblichen Belastung irgendwann Gewohnheit.
„Das ist bei mir eben so.“
Dr. Gabriele Wöhnke sieht genau darin einen Punkt, an dem genauer hingeschaut werden sollte: „Starke Regelschmerzen sind nichts, was Frauen allein deshalb hinnehmen müssen, weil sie jeden Monat wiederkehren.“
Natürlich bedeutet das nicht, dass jede schmerzhafte Menstruation Ausdruck einer Erkrankung ist. Beschwerden während der Periode sind häufig und lassen sich auch physiologisch erklären. Während der Menstruation zieht sich die Gebärmutter zusammen, um die Schleimhaut abzustoßen. Dabei spielen Prostaglandine eine wichtige Rolle. Sie beeinflussen die Muskelkontraktionen und sind zugleich an Entzündungs- und Schmerzprozessen beteiligt.
Deshalb können beispielsweise Schmerzmittel aus der Gruppe der NSAR wie Ibuprofen oder Naproxen bei Regelschmerzen helfen. Sie beeinflussen die Prostaglandinbildung und können dadurch die Beschwerden lindern.
Doch eine wirksame Tablette beantwortet noch nicht jede medizinische Frage.
Entscheidend ist nicht nur der Schmerz – sondern was er mit dem Leben macht
Wie stark Regelschmerzen sind, lässt sich nicht ausschließlich mit einer Zahl zwischen eins und zehn erfassen.
Eine andere Frage kann mindestens ebenso aufschlussreich sein: Was kann ich wegen meiner Menstruation regelmäßig nicht tun?
Wer während der ersten Zyklustage kaum schlafen kann, bei der Arbeit ausfällt, Unterricht oder Studium verpasst, Sport absagt oder Verabredungen streicht, erlebt eine relevante Einschränkung. Dasselbe gilt, wenn Schmerzmittel nicht gelegentlich benötigt werden, sondern längst zum festen Bestandteil jedes Zyklus geworden sind.
Gerade weil Menstruationsbeschwerden so verbreitet sind, besteht die Gefahr, solche Einschränkungen zu normalisieren.
Dabei ist „Viele Frauen kennen das“ zunächst nur eine Feststellung über die Häufigkeit eines Problems. Es ist keine medizinische Begründung dafür, dass eine einzelne Frau erhebliche Beschwerden hinnehmen muss.
Starke oder zunehmende Schmerzen können unterschiedliche Ursachen haben. Eine davon ist Endometriose. Dabei befindet sich endometrioseähnliches Gewebe außerhalb der Gebärmutter. Neben ausgeprägten Menstruationsschmerzen können beispielsweise Schmerzen beim Geschlechtsverkehr, beim Stuhlgang oder Wasserlassen, chronische Unterbauchbeschwerden oder Schwierigkeiten beim Eintritt einer Schwangerschaft auftreten.
Doch auch hier ist eine Differenzierung wichtig. Nicht jede Frau mit starken Regelschmerzen hat Endometriose. Ebenso wenig lässt sich die Erkrankung anhand eines einzelnen Social-Media-Beitrags oder einer Symptomliste diagnostizieren.
Die richtige Konsequenz aus stärkerer öffentlicher Aufmerksamkeit für Endometriose darf deshalb nicht lauten: „Ich habe starke Regelschmerzen, also habe ich Endometriose.“
Sie sollte vielmehr lauten: „Meine Beschwerden beeinträchtigen mich erheblich. Ich möchte wissen, warum.“
Aus „jeden Monat“ kann eine wichtige medizinische Information werden
Gerade wiederkehrende Beschwerden lassen sich oft besser beurteilen, wenn sie nicht nur aus der Erinnerung beschrieben werden. Ein Zyklus- oder Schmerztagebuch kann deshalb hilfreich sein.
Wann beginnen die Schmerzen? Treten sie bereits vor der Blutung auf? Wie lange halten sie an? Wie stark sind sie? Gibt es zusätzliche Beschwerden? Wie stark ist die Blutung? Werden Schmerzmittel benötigt? Welche und wie häufig? Wie gut wirken sie?
Was zunächst nach einer einfachen Dokumentation klingt, kann aus einem unspezifischen „Es ist jedes Mal schlimm“ eine wesentlich präzisere Beschreibung machen.
Auch Veränderungen sind wichtig. Schmerzen, die im Laufe der Zeit deutlich stärker werden oder nach zuvor weitgehend beschwerdefreien Jahren neu auftreten, verdienen besondere Aufmerksamkeit. Ebenso sollten zusätzliche oder ungewöhnliche Beschwerden nicht allein deshalb ignoriert werden, weil sie zeitlich mit der Menstruation zusammenfallen.
Dabei geht es ausdrücklich nicht darum, normale körperliche Vorgänge unnötig zu einer Krankheit zu erklären.
Es geht um etwas anderes: Normalität darf nicht darüber definiert werden, wie viel Schmerz jemand bereit ist auszuhalten.
Frauengesundheit braucht manchmal eine andere Frage
Viele Frauen haben gelernt, mit Menstruationsbeschwerden umzugehen. Sie wissen, welche Wärmflasche am besten funktioniert, welches Schmerzmittel ihnen hilft und welche Termine sie besser nicht auf bestimmte Tage legen.
Diese Erfahrung ist wertvoll.
Aber sie sollte nicht verhindern, dass irgendwann eine andere Frage gestellt wird.
Nicht nur:
„Was hilft mir diesmal?“
Sondern:
„Warum brauche ich diese Hilfe eigentlich jeden Monat?“
Die medizinische Abklärung kann darauf sehr unterschiedliche Antworten ergeben. Vielleicht lässt sich eine Ursache finden. Vielleicht lässt sich die Behandlung verbessern. Vielleicht stellt sich heraus, dass die Beschwerden medizinisch anders einzuordnen sind als bislang angenommen.
Schon die Tatsache, dass darüber gesprochen wird, ist ein Fortschritt.
Denn Frauengesundheit bedeutet nicht, jede Menstruation problematisieren zu müssen. Sie bedeutet aber sehr wohl, Frauen nicht beizubringen, erhebliche Beschwerden als unvermeidlichen Preis ihres Geschlechts zu betrachten.
Eine Periode kann unangenehm sein.
Sie darf auch einmal einen schlechten Tag verursachen.
Aber wenn jeden Monat das Leben um die Schmerzen herum organisiert werden muss, sollte „Das gehört eben dazu“ nicht das Ende des Gesprächs sein.
Es sollte der Anfang einer Frage sein:
„Warum eigentlich?“
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