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Ein Tropfen genügt häufig

Die Pharmakologie hinter der richtigen Anwendung von Augentropfen

Bei der Anwendung von Augentropfen begegnet uns ein verbreitetes Missverständnis: Wenn ein Tropfen gut ist, müsste ein zweiter zumindest für zusätzliche Sicherheit sorgen. Besonders wenn nach der Anwendung Flüssigkeit über den Lidrand austritt, entsteht schnell der Eindruck, ein erheblicher Teil des Arzneimittels sei verloren gegangen.

Aus pharmazeutischer Sicht ist diese Schlussfolgerung meist nicht richtig. Entscheidend ist die begrenzte Aufnahmekapazität des Auges.

Der Bindehautsack kann nur eine relativ geringe Flüssigkeitsmenge aufnehmen. Handelsübliche Augentropfen besitzen häufig bereits ein Volumen, das diese Kapazität erreicht oder überschreitet. Wird unmittelbar ein weiterer Tropfen appliziert, steht deshalb nicht automatisch die doppelte Wirkstoffmenge am Wirkort zur Verfügung. Ein Teil der Flüssigkeit läuft über den Lidrand ab, ein anderer kann über das Tränenabflusssystem abtransportiert werden.

Dieser Abfluss ist pharmakologisch durchaus relevant. Über Tränenkanälchen und Tränennasengang kann Arzneistoff in den Nasen-Rachen-Raum gelangen und dort über gut durchblutete Schleimhäute resorbiert werden. Dadurch können lokal applizierte Augenarzneimittel unter bestimmten Umständen auch systemische Wirkungen entfalten.

Deshalb kann bei ausgewählten Präparaten nach der Applikation eine sogenannte nasolakrimale Okklusion sinnvoll sein. Dabei wird nach dem Eintropfen bei geschlossenem Auge vorsichtig Druck auf den Bereich des inneren Augenwinkels ausgeübt. Der Abfluss über die Tränenwege kann dadurch reduziert und die systemische Exposition gegenüber dem Wirkstoff verringert werden. Ob diese Technik empfohlen wird, richtet sich nach dem jeweiligen Arzneimittel und dessen Anwendungshinweisen.

Für den Therapieerfolg ist deshalb nicht die möglichst große Flüssigkeitsmenge entscheidend, sondern eine korrekte Applikation. Das Unterlid wird vorsichtig nach unten gezogen und der Tropfen in den entstehenden Bindehautsack gegeben. Die Spitze des Tropfbehältnisses sollte weder Auge noch Wimpern oder Haut berühren. Dadurch lässt sich das Risiko einer Kontamination des Behältnisses reduzieren.

Besondere Aufmerksamkeit erfordert die Anwendung mehrerer ophthalmologischer Arzneimittel. Werden verschiedene Tropfen unmittelbar nacheinander verabreicht, kann das zweite Präparat das zuvor applizierte teilweise verdrängen beziehungsweise ausspülen. Die in den jeweiligen Fach- und Gebrauchsinformationen angegebenen zeitlichen Abstände sollten daher eingehalten werden.

Bei einer Kombination aus Augentropfen und Augensalbe spielt zusätzlich die Reihenfolge eine Rolle. Eine Salbe bildet einen länger haftenden Film auf der Augenoberfläche und wird deshalb üblicherweise nach den Tropfen angewendet, sofern für die konkreten Präparate keine andere Anweisung besteht.

Auch Kontaktlinsen können die Anwendung beeinflussen. Abhängig von Wirkstoff, Formulierung und enthaltenen Hilfsstoffen kann es erforderlich sein, Kontaktlinsen vor der Applikation herauszunehmen und mit dem Wiedereinsetzen zu warten. Eine pauschale Regel für sämtliche Augenpräparate wäre hier nicht sachgerecht.

Die Aussage „Ein Tropfen reicht“ darf ohnehin nicht als universelle Dosierungsanweisung verstanden werden. Maßgeblich bleiben immer die Dosierungsvorgaben des konkreten Präparates und gegebenenfalls die ärztliche Verordnung.

Der allgemeine Zusammenhang ist dennoch bemerkenswert: Bei Augentropfen kann eine größere applizierte Flüssigkeitsmenge sehr schnell an eine anatomische Grenze stoßen. Ein zusätzlicher Tropfen führt dann nicht zwangsläufig zu einer höheren lokalen Wirkstoffverfügbarkeit.

Damit zeigen Augenarzneimittel besonders anschaulich einen Grundsatz, der für Arzneimittel generell gilt:

Eine optimale Therapie entsteht nicht durch möglichst viel Wirkstoff, sondern durch die richtige Dosis am richtigen Ort und eine korrekte Anwendung.

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