Demenzprävention beginnt nicht erst im Alter
Warum Blutdruck, Cholesterin und Diabetes heute auch für die Gehirngesundheit von morgen wichtig sein können
Die Vorstellung, Demenz sei vor allem eine unvermeidbare Folge von Alter und genetischer Veranlagung, ist weit verbreitet. Gerade deshalb sorgt eine Zahl aus dem 2024 veröffentlichten Bericht der Lancet-Kommission für Aufmerksamkeit: Nach den Berechnungen der internationalen Expertengruppe könnten weltweit bis zu 45 Prozent der Demenzerkrankungen verhindert oder zumindest verzögert werden, wenn 14 potenziell beeinflussbare Risikofaktoren adressiert würden. (BMJ)
Diese Zahl muss medizinisch korrekt eingeordnet werden. Sie bedeutet nicht, dass ein einzelner Mensch durch bestimmte Maßnahmen sein persönliches Demenzrisiko um 45 Prozent reduzieren kann. Es handelt sich um eine sogenannte populationsbezogene Abschätzung. Außerdem können sich Risikofaktoren überschneiden, und bei einer Erkrankung mit einer jahrzehntelangen Entwicklung sind direkte Ursache-Wirkungs-Beziehungen nicht für jeden Faktor gleichermaßen einfach nachzuweisen. Die Lancet-Kommission selbst diskutiert diese methodischen Grenzen ausführlich. (Chronic Disease)
Trotzdem ist die Botschaft medizinisch ausgesprochen relevant: Ein erheblicher Teil des Demenzrisikos scheint grundsätzlich beeinflussbar zu sein.
Besonders interessant ist dabei, dass viele dieser Faktoren zunächst überhaupt nicht nach Neurologie klingen. Bluthochdruck, Diabetes, Adipositas, Rauchen und Bewegungsmangel gehören ebenso dazu wie Hörverlust, Depression, soziale Isolation, übermäßiger Alkoholkonsum, traumatische Hirnverletzungen, Luftverschmutzung und geringe Bildung. Mit dem Bericht von 2024 wurden außerdem erhöhtes LDL-Cholesterin im mittleren Lebensalter und unbehandelter Sehverlust im späteren Leben aufgenommen. (BMJ)
Damit rückt die Prävention in eine Lebensphase, in der viele Menschen noch überhaupt nicht über Demenz nachdenken.
Ein 50-Jähriger mit erhöhtem Blutdruck beschäftigt sich wahrscheinlich mit seinem Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall. Bei erhöhtem LDL-Cholesterin denken wir an Arteriosklerose und kardiovaskuläre Erkrankungen. Bei Diabetes kennen wir mögliche Folgen für Gefäße, Nieren, Augen und Nerven.
Dass die konsequente Behandlung solcher Risikofaktoren möglicherweise gleichzeitig für die langfristige Gehirngesundheit relevant ist, erweitert die Perspektive erheblich.
Gerade das erhöhte LDL-Cholesterin ist bemerkenswert. Die Lancet-Kommission ordnet hohes LDL im mittleren Lebensalter als neuen modifizierbaren Risikofaktor ein und schätzt seinen populationsbezogenen Anteil auf etwa sieben Prozent. Auch Hörverlust wird mit einem vergleichbar hohen Anteil bewertet. Unbehandelter Sehverlust kam als weiterer neuer Faktor hinzu. (BMJ)
Es gibt dabei nicht die eine Maßnahme gegen Demenz. Das ist vielleicht sogar die wichtigste pharmazeutische Botschaft.
Kein Nahrungsergänzungsmittel, kein Vitamin und kein vermeintliches „Gehirnpräparat“ kann aus diesen Daten eine Garantie zur Demenzprävention ableiten. Die wissenschaftliche Diskussion weist vielmehr in eine wesentlich breitere Richtung: vaskuläre Risiken reduzieren, bestehende Erkrankungen behandeln, körperlich und sozial aktiv bleiben sowie Hör- und Sehprobleme ernst nehmen.
Und genau an diesem Punkt entsteht auch die Verbindung zur Apotheke.
Blutdruck, Diabetes, Fettstoffwechsel und Arzneimitteltherapie gehören zum täglichen pharmazeutischen Beratungsalltag. Die Apotheke kann eine ärztliche Diagnostik selbstverständlich nicht ersetzen. Sie kann aber dazu beitragen, dass eine verordnete Therapie verstanden und richtig durchgeführt wird, Anwendungsschwierigkeiten erkannt werden und Patienten ihre bekannten Risikofaktoren nicht unterschätzen.
Ein gut eingestellter Blutdruck ist nicht nur eine Zahl auf einem Messgerät. Ein konsequent behandelter Diabetes ist nicht nur ein guter HbA1c-Wert. Und eine wirksame LDL-Senkung ist nicht ausschließlich eine Frage des Herzinfarktrisikos.
Diese Maßnahmen können Bestandteil einer langfristigen Strategie sein, Gesundheit möglichst lange zu erhalten – möglicherweise einschließlich der kognitiven Gesundheit.
Auch Frauen und Männer verdienen dabei einen differenzierten Blick. Die Lancet-Kommission weist darauf hin, dass biologisches Geschlecht, hormonelle Einflüsse und gesellschaftliche Faktoren die Demenzentwicklung beeinflussen können. Die Datenlage zu einem eigenständigen Effekt des biologischen Geschlechts ist allerdings nicht einheitlich. In manchen Ländern ist die altersbereinigte Demenzinzidenz bei Frauen höher, in anderen nicht. Unterschiede bei Lebenserwartung, Bildung und gesellschaftlichen Bedingungen spielen ebenfalls eine Rolle. (Chronic Disease)
Das ist ein wichtiger Hinweis darauf, wie komplex Demenzprävention tatsächlich ist. Ein Risikofaktor steht selten isoliert. Bildung beeinflusst Lebensbedingungen. Soziale Isolation kann psychische und körperliche Gesundheit beeinflussen. Hörverlust kann gesellschaftliche Teilhabe erschweren. Diabetes, Adipositas, Bluthochdruck und Bewegungsmangel treten häufig gemeinsam auf.
Prävention bedeutet deshalb nicht, eine Liste mit 14 Punkten abzuarbeiten.
Sie bedeutet vielmehr, beim einzelnen Menschen zu fragen: Welche beeinflussbaren Risiken bestehen – und welche davon können wir sinnvoll verändern?
Für den einen ist das die konsequentere Blutdrucktherapie. Für einen anderen der Rauchstopp. Für den nächsten mehr Bewegung oder die Behandlung eines Hörverlusts. Und manchmal besteht der wichtigste erste Schritt schlicht darin, ein bekanntes gesundheitliches Problem nicht länger zu verdrängen.
Die Lancet-Kommission formuliert damit letztlich eine erstaunlich positive Botschaft. Sie beschreibt Demenz keineswegs als vollständig vermeidbare Erkrankung. Alter, genetische Faktoren und weitere Ursachen bleiben bestehen. Aber sie widerspricht der Vorstellung, wir könnten grundsätzlich nichts tun.
Demenzprävention beginnt möglicherweise Jahrzehnte vor dem ersten vergessenen Namen.
Und manches davon beginnt mit genau den gesundheitlichen Themen, über die Patienten schon heute mit ihrem Arzt und ihrer Apotheke sprechen sollten. (ucl.ac.uk)
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