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Schmerzmittel vor dem Sport – wenn das Warnsignal ausgeschaltet wird

Schmerzmittel vor dem Sport – wenn der Körper Nein sagt und die Tablette Ja

Der Trainingsplan ist geschrieben. Die Laufschuhe stehen bereit. Vielleicht sind es noch sechs Wochen bis zum Halbmarathon, vielleicht soll heute einfach nur die übliche Runde geschafft werden. Doch schon beim Treppensteigen meldet sich das Knie. Nicht unerträglich, aber deutlich genug, um zu wissen: Beim Laufen wird es wahrscheinlich nicht besser.

Eine Ibuprofen könnte das Problem zumindest für die nächsten Stunden lösen.

Und genau an dieser Stelle lohnt es sich, genauer hinzusehen. Denn die Tablette kann tatsächlich den Schmerz reduzieren. Was sie nicht kann: aus einer überlasteten oder verletzten Struktur automatisch eine belastbare machen.

Dr. Gabriele Wöhnke sieht darin eine typische Situation, in der sich die Wahrnehmung eines Arzneimittels verschiebt. Das Schmerzmittel wird nicht mehr ausschließlich eingesetzt, um Beschwerden zu behandeln. Es soll ermöglichen, eine geplante körperliche Leistung trotzdem zu erbringen.

Das klingt nach einem kleinen Unterschied. Medizinisch ist er erheblich.

Schmerz besitzt eine Schutzfunktion. Er kann darauf aufmerksam machen, dass Muskeln, Sehnen, Gelenke oder andere Strukturen überfordert, gereizt oder verletzt sind. Natürlich ist nicht jeder Schmerz ein Grund, jede Bewegung sofort einzustellen. Muskelkater ist etwas anderes als eine akute Verletzung, eine bekannte chronische Erkrankung etwas anderes als ein plötzlich auftretender Belastungsschmerz.

Doch wer ein Schmerzmittel einnimmt, damit ein störendes Warnsignal während des Trainings verschwindet, sollte sich darüber im Klaren sein: Das Signal wird leiser. Seine Ursache muss deshalb nicht verschwunden sein.

Warum gerade Ibuprofen nicht so harmlos ist, wie es wirkt

Ibuprofen gehört zu den bekanntesten Arzneimitteln überhaupt. Gerade diese Vertrautheit kann zum Problem werden.

Der Wirkstoff gehört zu den nichtsteroidalen Antirheumatika, kurz NSAR. Auch Diclofenac zählt zu dieser Gruppe. Ihre schmerzlindernden und entzündungshemmenden Eigenschaften beruhen wesentlich auf der Hemmung der Prostaglandinsynthese.

Prostaglandine sind jedoch nicht ausschließlich an Schmerz und Entzündungsreaktionen beteiligt. Sie erfüllen im Körper weitere Aufgaben. Unter bestimmten Bedingungen spielen sie beispielsweise bei der Regulation der Nierendurchblutung eine wichtige Rolle.

Und damit wird der Sport relevant.

Bei längeren Ausdauerbelastungen verliert der Körper Flüssigkeit. Hitze, starkes Schwitzen und unzureichendes Trinken können diesen Verlust verstärken. Gleichzeitig muss der Organismus seine Durchblutung an die körperliche Belastung anpassen.

Kommt in einer solchen Situation ein NSAR hinzu, kann das unter ungünstigen Umständen zusätzliche Risiken für die Nieren bedeuten.

Das bedeutet nicht, dass jeder Läufer nach einer einzelnen Ibuprofen eine Nierenschädigung erleidet. Solche pauschalen Warnungen helfen niemandem. Das individuelle Risiko hängt von zahlreichen Faktoren ab: vom verwendeten Wirkstoff, der Dosierung, der Dauer der Einnahme, der Belastung, dem Flüssigkeitshaushalt, bestehenden Erkrankungen und weiteren Medikamenten.

Aber genau deshalb ist die vorbeugende Einnahme vor längeren sportlichen Belastungen keine beiläufige Entscheidung.

Auch Magen und Darm gehören in diese Betrachtung. NSAR können die Schleimhaut schädigen und das Risiko für gastrointestinale Beschwerden und Blutungen erhöhen. Bestimmte Begleiterkrankungen und Arzneimittelkombinationen können das Risiko zusätzlich verändern.

Dr. Gabriele Wöhnke: „Rezeptfrei wird im Alltag schnell mit harmlos verwechselt. Dabei beschreibt die Rezeptfreiheit zunächst die Möglichkeit der Selbstmedikation unter bestimmten Voraussetzungen – nicht die Bedeutungslosigkeit eines Wirkstoffes.“

Die entscheidende Frage kommt vor der Wirkstoffwahl

Wer mit Schmerzen in die Apotheke kommt, stellt häufig eine sehr konkrete Frage: Was kann ich dagegen nehmen?

Bei sportbedingten Beschwerden sollte davor eine andere stehen:

Warum tut es weh?

Ist der Schmerz neu? Tritt er ausschließlich bei einer bestimmten Bewegung auf? Wird er stärker? Besteht eine Schwellung? Gab es eine Verletzung? Kommt die Beschwerde bei jedem Training zurück? Wird inzwischen regelmäßig vor dem Sport ein Schmerzmittel genommen?

Diese Informationen können wesentlich wichtiger sein als die Frage, ob Ibuprofen, Diclofenac oder ein anderer Wirkstoff gewünscht wird.

Auch der einfache Wechsel auf Paracetamol löst das Grundproblem nicht. Paracetamol gehört nicht zu den NSAR und besitzt ein anderes Wirk- und Nebenwirkungsprofil. Daraus folgt aber nicht, dass es automatisch das geeignete Mittel ist, um trotz Schmerzen Sport zu treiben.

Die Wahl eines anderen Arzneimittels beantwortet schließlich noch immer nicht die entscheidende Frage: Warum muss ein Medikament die geplante Belastung überhaupt erst möglich machen?

Natürlich gibt es auch die andere Seite.

Menschen mit chronischen Erkrankungen können auf Schmerzmittel angewiesen sein und trotzdem körperlich aktiv sein. Bewegung kann bei zahlreichen Erkrankungen ausdrücklich sinnvoll sein. Auch im Rahmen einer ärztlich begleiteten Therapie können Analgetika und sportliche Aktivität durchaus nebeneinanderstehen.

Deshalb wäre die einfache Botschaft „Wer Schmerzmittel nimmt, darf keinen Sport machen“ falsch.

Problematisch ist etwas anderes: die eigenständige Verwendung eines Schmerzmittels als eine Art pharmakologischer Überbrückung, damit eine Belastung trotz eines Warnsignals durchgeführt werden kann.

Wenn Trainingsziele wichtiger werden als Körpersignale

Vielleicht ist die Versuchung heute größer als früher.

Sport ist messbar geworden.

Die Uhr kennt unsere Herzfrequenz. Das Smartphone zählt Schritte. Apps speichern Trainingsserien, Kilometer und persönliche Bestleistungen. Wer sich auf einen Wettkampf vorbereitet, hat möglicherweise monatelang einen Plan verfolgt.

Eine ausgefallene Einheit ist dann nicht einfach ein freier Abend. Sie fühlt sich wie ein Rückschritt an.

Der Körper kennt diese Zahlen nicht.

Eine Sehne regeneriert nicht schneller, weil am Sonntag ein Wettkampf stattfindet. Ein schmerzendes Gelenk interessiert sich nicht dafür, dass noch zwölf Kilometer im Trainingsplan stehen.

Das Schmerzmittel bietet einen verführerischen Kompromiss: Der Plan bleibt bestehen und das Warnsignal wird reduziert.

Doch vielleicht sollten wir genau diese Vorstellung umdrehen.

Nicht der Körper muss mithilfe eines Arzneimittels an den Trainingsplan angepasst werden.

Manchmal muss der Trainingsplan an den Körper angepasst werden.

Das kann eine Pause bedeuten. Eine geringere Belastung. Eine andere Trainingsform. Oder bei wiederkehrenden oder auffälligen Beschwerden eine medizinische Abklärung.

Arzneimittel sind keine Trainings-Booster

Das Thema berührt damit eine größere Frage unseres Umgangs mit Medikamenten.

Wir verwenden Arzneimittel zunehmend nicht nur dort, wo eine Erkrankung behandelt werden soll. Manchmal sollen sie ermöglichen, unseren Alltag trotz körperlicher Grenzen unverändert fortzuführen.

Die Kopfschmerztablette für den Arbeitstag. Das abschwellende Nasenspray, damit man trotz Erkältung funktioniert. Und eben die Ibuprofen, damit das Training nicht ausfallen muss.

Nicht jede dieser Situationen ist automatisch problematisch.

Aber sie verdient eine Frage:

Behandeln wir gerade eine Beschwerde – oder behandeln wir das störende Signal, damit wir es ignorieren können?

Genau hier besitzt die Apotheke eine wichtige Funktion. Nicht jede Beratung muss mit einem Produkt enden. Manchmal besteht pharmazeutische Kompetenz darin, einen vermeintlich selbstverständlichen Arzneimittelgebrauch zu hinterfragen.

Wer gelegentlich nach einer ungewohnten Belastung Beschwerden hat, befindet sich in einer anderen Situation als jemand, der vor nahezu jedem Lauf ein Schmerzmittel benötigt. Wiederkehrende Schmerzen sollten nicht dauerhaft pharmakologisch überdeckt werden.

Dr. Gabriele Wöhnke bringt die entscheidende Unterscheidung auf einen einfachen Punkt:

„Ein Schmerzmittel kann dafür sorgen, dass Sie den Schmerz weniger spüren. Es kann Ihnen aber nicht versprechen, dass die Struktur, die diesen Schmerz verursacht, wieder belastbar ist.“

Vielleicht ist das die wichtigste Regel für die Sporttasche.

Ibuprofen kann Schmerzen lindern.

Diclofenac kann Schmerzen lindern.

Andere Analgetika können ebenfalls Beschwerden reduzieren.

Aber kein Schmerzmittel ersetzt die Frage nach der Ursache.

Und manchmal ist die vernünftigste Entscheidung vor dem Training deshalb nicht die Tablette mit dem Glas Wasser.

Sondern die Laufschuhe heute einfach stehen zu lassen.

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